Über Komplexität, die Einfachheit und das Mittelmaß

By | 28. Februar 2017

Heute finden sich sehr viele Sachverhalte, die sich aus einem umfangreichen Geflecht aus Wissen, Daten, Beziehungen und Wechselwirkungen zusammensetzen. Diese Sachverhalte werden gerne als komplex oder sogar hochkomplex bezeichnet. Was häufig nichts anders ist, als eine Umschreibung für nicht einfach zu erklären oder nicht einfach zu verstehen.

Gunther Dueck, geht in seinem Buch “Schwarmdumm” ebenfalls auf das Thema Darstellung komplexer Zusammenhänge ein. Er beschreibt sehr schön, welche Alternativen ein Redner beispielsweise beim Vorstellen eines derartigen Sachverhalts hat. Nach seinen Überlegungen – die ich gerne teile – gibt es zum einen die Möglichkeit das Komplexe brutal zu vereinfachen (auf Englsch als dumb down bezeichnet). Auf der anderen Seite besteht die Möglichkeit, das Komplexe genial einfach darzustellen, so dass Jedermann folgen kann und der Sachverhalt mit seinen Abhängigkeiten verständlich und transparent wird.

Zwischen diesen beiden Polen (bei denen der Sachverhalt immer auf die eine oder andere Weise vereinfacht wird), befindet sich die perfekte Darstellung des Sachverhalts. Perfekt, umständlich und auch schwer zu verstehen. Das Ganze lässt sich in Form einer sogenannten Einfachheitskurve darstellen. Herr Dueck entwickelt mehrere Varianten dieser Kurve. Mir gefällt die Version 3 am besten:

Eine ähnliche Kurve findet sich auch in vielen anderen Bereichen wieder. Beispielsweise bei der Produkt-Entwicklung. Auch hier lassen sich derartige Entwicklungsphasen identifizieren. Es beginnt mit einem einfachen Prototyp , dem folgt eine etwas verbesserte Version die  gut genug ist. Dann kommt eine perfekte aber zu teure, zu umständliche, alles in einem Produkt vereinheitlichende Version heraus. Dieser folgt zwingend eine smarte Lösung, bis dann am Ende eine richtig genial einfache Produktversion vorliegt.

Die zentrale Frage ist nun, warum ist es so schwer, auf die rechte Seite der Einfachheitskurve zu kommen? Die allerwenigsten Mitmenschen möchten ja Lösungen, Erklärungen oder Produkte bekommen, deren Eigenschaften sich eher links oder auf der Spitze der Kurve einordnen lassen. Also warum tut man sich so schwer mit den einfach genialen Lösungen?

Eine mögliche Antwort besteht sicher darin, dass der Blick auf das Ganze fehlt. Vor allem in Organisationen wo Lösungen gleich welcher Art nicht von einer Einzelperson gemacht werden, sondern mehrere Personen oder gar Organisations-Einheiten daran beteiligt sind, geht dieser Blick aufs Ganze gerne verloren.

Hier, so sagen einige wäre das Potential gegeben, um Schwarm-Intelligenz wirksam werden zu lassen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Es fehlt das Interesse am ganzen Bild und die Einzelinteressen stehen weiter im Vordergrund. Dadurch entsteht  Schwarm-Dummheit. Genau dies beschreibt Gunter Dueck in seinem Buch sehr ausführlich.

Die Idee hinter dem Begriff Schwarm-Intelligenz ist recht einfach. Eine Gruppe von Individuen können ihre individuelle Beschränktheit überwinden, indem sie sich zu einer Gemeinschaft (einem  Schwarm) zusammenfinden,  und so Probleme  angehen, die sie alleine niemals lösen könnten. D.h. wenn sich ein Team von unterschiedlichen Experten zusammenfindet, um gemeinsam an der Lösung eines Problems oder einer Aufgabe zu arbeiten, besteht die Chance dass eine Schwarm-Intelligenz entsteht. Wenn ohne Neben-Interessen, ohne persönliches Hervortuen ausschliesslich mit Begeisterung an der Lösung dieser Aufgabe gearbeitet wird, dann kann das was man als Schwarm-Itelligenz oder kollektive Intelligenz bezeichnet wird, entstehen.

Wichtig dabei ist, dass dies keine Allgemeingültigkeit hat. Schwarm-Intelligenz gilt nur bezogen auf diese Zeit, diesen Ort, dieses Team und dieses Problem. Genau darum funktioniert Schwarm-Intelligenz so selten in der Realität. In heutigen Unternehmen treffen nicht für jedes spezielle Problem die besten Experten zusammen, um sich mit der besten Lösung zu befassen.

Es sind immer wieder die gleichen Personen. Mit den gleichen Denkweisen. Mit ihrer Geschichte und ihrem durch die Bereichsgrenzen geprägten Überzeugungen und Intentionen. So entsteht keine geniale Lösung. So entsteht bestenfalls Mittelmaß. Hier macht der Schwarm eindeutig Dumm.

In unendlichlangen Meetings, in denen immer wieder die gleichen Menschen zusammen treffen, in denen immer wieder die selben Argumente dargelegt werden, entstehen niemals neue Lösungen. Das ist genau so eine Umgebung in dem sich intelligente Menschen treffen und sich dabei nicht emporheben, nicht inspirieren, nicht beflügeln sondern blockieren. Dumm machen. Schwarm-Dummheit ist die Folge.

Daraus folgen faule Kompromisse, gut-genug-Denken, starke Vereinfachung etc. all das führt dann zu Lösungen die weit weg vom ideal sind. Es entsteht Mittelmaß und der Trend geht eher Richtung Unterdurchschnitt als in Richtung Exzellenz. Die Folge der Schwarm-Dummheit ist somit das Mittelmaß.

Somit ist eine der wichtigsten Fragen wie entgeht man diesem Mittelmaß. Die Antwort ist gleichermaßen simpel wie schwierig umzusetzen: Man muss seine eigenen Gewohnheiten loslassen, anderen Ansätzen und Denkweisen bewußt Raum geben. Sich mit dem Denken und Handeln in Netzwerken vertraut machen. Das ist kein Prozess sondern ein neues Denken aus dem sich neue Einsichten ergeben und neue Handlungen hervorgehen.

Ein gutes Buch hierzu kommt von Prof. Dr. Ulrich Weinberg, es trägt den Titel “Network Thinking”. In diesem lesenswerten Buch skizziert Prof. Weinberg seine Vorstellung wie wir zukünftig miteinander denken und arbeiten könnten.

In dieser Welt gibt es dann keine Abteilungsgrenzen, Chefs sind mittendrin statt oberhalb, der Jurist mit dem Ingenieur und dem Marketingmann im Team, damit entstehen die Räume für neue Ideen. Vernetzung ist das Schlagwort, um das sich alles dreht.

Immer mehr Unternehmen erkennen, dass die bisherigen Strukturen zwar sehr erfolgreich zum heutigen Stand geführt haben. Aber das genau dieser Erfolg, das damit verbundene Denken und die Größe der entstandenen Organisationen das Neue bremst.

Junge StartUp-Unternehmen  machen es vor, wie schnell es heute möglich ist, neue Ideen umzusetzen. Ihnen fehlt es aber auf der anderen Seite oft an genau den Erfahrungen, die etablierte Unternehmen besitzen. Das Ideal liegt in der Verbindung beider Welten.

Wir benötigen ein Ökosystem in dem sich die verschiedensten Unternehmen zusammen finden und gemeinsam lernen in Kooperation, in Symbiose, zusammen und doch auch jeder für sich zu denken und zu handeln.

In solchen Ökosystemen werden Innovationen anders statt finden als noch vor einigen Jahren. Der einsame Forscher wird von kreativen Teams unterstützt, Silodenken weicht Netzwerken; starre Regelungen machen flexiblen Ansätzen Platz.

So entsteht in kurzen Intervallen Neues. Manches wird nicht funktionieren und verworfen werden. Anderes wird genau im Ziel liegen. So entsteht Exzellenz. Mittelmaß hat keine Chance.